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Mai 06 2019

Montag. Die Nadeln sitzen. Eine davon hat heute einen Nerv gekillt. Das macht sich dadurch bemerkbar, dass sie beim Einstechen relativ Aua macht. Aber das wurde mir ja schon am Anfang angedroht, dass das immer mal passieren wird. Damals (ein relativer Begriff) hab ich mich gefragt, ob ich mich jemals an diesen Schmerz gewöhnen werde. Heute kann ich darauf antworten „Ja, ich hab mich dran gewöhnt, dass ich jedesmal zwei Nadeln in den Arm bekomme und dass das manchmal, also immer, wenn dabei ein noch intakter Nerv getroffen wird, auch Aua macht.“ Und nicht nur an das habe ich mich gewöhnt. Der gesamte Lebensumstand „Dialyse“ ist mittlerweile im Leben angekommen und hat seinen festen Platz gefunden. Grad, als ich heut morgen in die Klinik kam, dachte ich, dieser Platz und die Umstände hier ist fast wie ein (ich drück es ganz vorsichtig aus) „Zufluchtsort“ geworden mit festen Regeln, Abläufen, Gewohnheiten, bekannten Gesichtern, um Abstand zu bekommen von anderen Realitäten...

Nochmal zum „Damals“. „Damals, als ich mit der Dialyse begann, im Oktober...“ hatte ich zur Schwester gesagt. Sie lächelte leicht unverständlich. Wenn andere schon über 10 Jahre hier sind, sind meine noch nicht mal 6 Monate gar nichts.

„Weißt du noch“ sagte die Eintagsfliege, „damals, vor fünf Minuten...“ „Wisst ihr noch, was ich in „Jackpot geknackt“ geschrieben habe, als ich damals, vor knapp 60 Jahren, mit dem Roller das Fliegen lernte...?“ Fünf Minuten, 60 Jahre. Beides Damals.

Wäre noch die Frage, was ist relativ? Einfache Antwort: Drei Haare in der Suppe ist relativ viel. Drei Haare auf dem Kopf ist relativ wenig.

Ja, das sind alles so Überlegungen von Sophie. Sophie ist sehr klug, sie weiß viel, macht sich über Vieles Gedanken, denkt nach, analysiert, hilft manchen Menschen, dadurch ihr Leben besser zu verstehen und zu ordnen, bringt Zusammenhänge ans Licht, beantwortet manche Fragen und stellt viele neue Fragen. Viele diskutieren und argumentieren in ihrem Namen stunden-, tage-, jahre-, lebenslang. An den Unis gibt es Fachrichtungen für sie. Wenn wir Sophie nicht hätten, wäre für viele das Leben ärmer.

Ihr kennt Sophie nicht? Diese beeindruckende Persönlichkeit? Wie sie mit Familiennamen heißt? Ganz einfach: Philo. Es ist Sophie Philo, oder anders: Philo, Sophie.

Übrigens: Weil die Schwester (wir wollen Tabea* nicht beim Namen nennen) nicht umhin konnte, einen weiteren Nerv zu attackieren, hat sie versprochen, Elfer-raus-Karten mitzubringen. Das wird lustig, wenn wir dann hier - vielleicht mit dem Nachbarn - einen dreschen!

Nun noch etwas für die, denen Sophie und Co. nicht so am Herzen liegen, sondern sich eher an Fakten der Wissenschaft halten.

Am Freitag hat die Waage, warum auch immer (Waagen sind auch nur Menschen und machen Fehler) ein falsches Trockengewicht angezeigt. Daisy wurde dann entsprechend instruiert, mir weniger Wasser als sonst abzuziehen. So bin ich mit mehr Wasser nach Hause gegangen, als ich morgens gekommen bin... Hat sich auf meinen Allgemeinzustand nicht sonderlich ausgewirkt. Aber dann, am Samstag... Ich hab es gemessen und schriftlich festgehalten. 24-Stunden-Messung Trinkmenge vs. Ausscheidung. Zugeführte Flüssigkeit: 1,30 Liter. Abgeführte Flüssigkeit (nun in anderer, gelblicher Form): 1,70 Liter. Und von gestern zu heute hab ich zwar nicht gemessen, doch das gleiche Gefühl dabei gehabt. Mehr raus als rein. Macht sich unter anderem auch dadurch bemerkbar, dass ich am Samstag morgens das Trockengewicht von 89,1 kg und heute morgen von 88,6 kg hatte, bei normaler Ernährungsweise wie immer. Sonst war das Gewicht jeden Tag etwas höher als am Vortag. Ein Umstand, der nachdenkenswert ist und weiterhin zu beobachten, wenigstens für mich. Ohne Frau Philo zu beanspruchen. Eher den Herrn Doktor.

Und was sagt der Herr Doktor? Meine Nieren sind durchaus noch in der Lage, selbständig Wasser auszuscheiden (Wasser, keine Giftstoffe). Und mit einer entsprechenden Medikamenten-Einstellung können die Nierchen überredet werden, wieder fleißiger zu sein. Dass sie’s bringen, haben sie ja am Wochenende bewiesen.

Klingt gut, lässt hoffen.

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