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Es ist bestes Sommerwetter. Warm, blauer Himmel, Sonnenschein. Ich bin gut drauf. Die Kassette läuft mit Enya. Coole Songs zum leisen Dröhnen meines 414-PS-MAN-Dieselmotors. Der schnurrt vor sich hin und bringt mich in drei Tagen nach Hause. Das Entladen bei meinen Freunden in Medias lief gut, es ist Sonntag, relativ wenig Verkehr auf den Straßen, ich genieße die Fahrt. Sibu (Hermannstadt) habe ich schon lange hinter mir, einige Kilometer vor mir liegt Deva. Es ist hier eine wunderschöne Gegend. Mal flache, sanfte Hügel, mal Serpentinen. Die Straße ist in gutem Zustand, wenn auch überall nur einspurig. Wie oft bin ich hier schon lang gefahren? Keine Ahnung. 20 mal? 50 mal? Aber kaum war die Straße so leer wie heute an diesem Sonntag. Höchstgeschwindigkeit für LKW auf Landstraßen: 70 km/h. Die nutze ich voll aus. Drüber? Kann und will ich mir in Rumänien nicht leisten.

Weit vor mir sehe ich, was man so oft sieht in osteuropäischen Ländern: auf der Gegenfahrbahn kurz hinter einer Kuppe und Kurve steht ein defekter LKW, Marke „ROMAN DIESEL“, das Getriebe ausgebaut auf dem Asphalt unter dem Fahrzeug. Ich komm näher. Da kommt plötzlich eine Stimme in meinem Kopf: „Hermann, brems mal!“ Hä? Bei dem Wetter und bei dem Verkehr? Ich war mutterseelenallein unterwegs. Die Stimme kommt ein zweites Mal, diesmal etwas eindringlicher: „Hermann, brems mal!!!“ Okay, denke ich, dann brems ich halt mal, nehm den Fuß vom Gas und setze ihn auf das Bremspedal. Völlig sinnlos, meine ich. Das alles spielt sich in nur einer Sekunde ab.

Genau in diesem Moment kommt hinter der Kuppe ein LKW mir entgegen. Er kann nicht mehr vor dem defekten ROMAN bremsen, wie ich meine, weil er auch zu schnell war. Seine einzige Chance: ihn überholen. Das geht aber nur auf der Gegenfahrbahn. Aber da war ich schon. Und ein physikalisches Gesetz besagt, wo ein Körper ist, kann nicht gleichzeitig ein zweiter Körper sein. LKW‘s sind auch Körper, ziemlich große sogar. Also kommt dieser LKW-Körper auf meiner Seite genau auf mich zu. Mit etwa 80/90 km/h. Und ich auf ihn mit 70 km/h. Machen zusammen eine Aufprallgeschwindigkeit von 150 km/h. Wieviel bleibt da noch von den LKW‘s übrig...? Ausweichen kann ich nicht, neben der Straße geht es circa 50 Meter steil nach unten...

Doch ich hatte den Fuß schon auf der Bremse und musste das Pedal nur noch treten. Es war keine Schrecksekunde nötig und auch keine Reaktionszeit. Vollbremsung. Der andere kommt näher und schafft es noch, hinter dem ROMAN und kurz vor mir wieder einzuscheren. Ich hab sein entsetztes Gesicht noch vor mir, als er knapp an meinem Rückspiegel vorbei rauscht. 

Wow! Das war eng, gefährlich eng! Beim Beschleunigen denke ich: „Danke für den Hinweis! Ohne den hätte ich es, hätten wir es nicht geschafft.“

Situationen wie diese, wenn auch nicht immer ganz so extrem, gab es damals viele. Mehr als genug und mehr, als mit lieb waren. Man muss dort immer für mehrere denken, für dich, für den Gegenverkehr, für den, der dich überholen möchte und für den, der den Gegenverkehr überholen möchte und manchmal auch noch für den, der vor dir am Straßenrand grad schnell noch losfahren will oder für die unvernünftigen Fußgänger und Radfahrer an allen unmöglichen Stellen. Man wird da mit Denken nie fertig. Das wird erst besser in Ungarn, wenn bei Kecskemét die Autobahn wieder beginnt.

Soweit so gut. Wenn da nicht die Begegnungen nach Devo Richtung Arad gewesen wären. Nicht mal eine halbe Stunde später kommt mir dort ein Abschleppfahrzeug entgegen mit einem Bus am Haken. Der Bus war auf der Fahrerseite bis zur dritten Sitzreihe eingedrückt wie ein Pappkarton. Haben da Fahrgäste gesessen, haben die nicht überlebt. Der Fahrer? Von dem war nicht mehr viel übrig. Damals habe ich selten so grausame Bilder gesehen. Doch es kommt noch besser.

Einige Kilometer weiter sehe ich das „Gegenstück“ des Busses: Ein Sattelzug liegt im Graben. Die Fahrerkabine auf der Fahrerseite ist bis an den Container des Aufliegers plattgedrückt. Überlebenschance des Fahrers?: null. Bus und Truck sind sich auf einer Straßenseite entgegengekommen und konnten nicht mehr rechtzeitig ausweichen. Die Schuldfrage erübrigt sich. Beide Fahrer tot.

Und ich bin, wegen einer „Stimme im Kopf“, vor genau so einer grausamen Situation gerade mal knapp eine Stunde vorher bewahrt geblieben! Ich habe, seit ich denken kann, an die Existenz Gottes geglaubt und auch daran, dass er zu uns Menschen redet. Wohl selten so direkt und „hörbar“, aber man kann sein Reden vernehmen. Doch seit diesem Tag weiß ich es ganz genau, dass Gott redet und auch, dass er mich besonders lieb haben muss. Warum? Bestimmt nicht, weil ich ein so guter Kerl bin. Eher, weil es seine Art ist, so mit uns Menschen umzugehen.

 

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