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Mär 06 2019

Mittwoch

 

Ich werde manchmal gefragt, wie mir das alles einfällt, was ich da immer schreibe. Nun, das frag ich mich auch öfters. Immerhin sind jetzt schon 64 Beiträge online. In zwanzig Wochen. (Natürlich gibt es jetzt Leser, die beides nachrechnen, grins.)

Manchmal weiß ich wirklich nicht, was ich schreiben soll. Das wird man sicher auch an dem einen oder anderen Beitrag merken. Da ist kaum der Boden bedeckt mit Worten und Gedanken. Bei anderen wiederum ist er rappelvoll zum Überlaufen. Manchmal sitze ich hier neben Daisy und frag mich: „Was schreib ich heute bloß?“ Dann fang ich einfach an mit irgendeinem Satz. Und plötzlich läuft’s. „Es ist ein Vergnügen die ersten Worte einer Geschichte zu schreiben. Man weiß nie so recht, wohin sie einen führen werden."

(Zitat aus dem Film Miss Potter) Ähnlich geht es mir auch. Doch manchmal sind da Ereignisse, Erlebnisse, Gespräche, Beobachtungen, da drängen sich die Themen einfach auf und ich möchte schon tags zuvor mit Schreiben anfangen.

So wie gestern auch. Da stellte sich in einem Gespräch diese Frage: „Und was wird dann?“ „Was wird, wenn...?“ Wohl dem, der sich so eine Frage stellen kann. Der hat noch Zeit für die Antworten. Kritisch wird es, wenn die Frage lautet „Was wird jetzt? Wie geht es weiter?“ Dann tut sich ein dunkles Loch auf und man weiß nicht, wie tief es ist und was einen unten erwartet, wenn man dort ankommt.

 

Drei verschiedene Personen: Hausfrau und Mutter, Rentner, Dialysepatient.

Die Hausfrau und Mutter war ein langes Leben damit beschäftigt, sich für die Kinder aufzuopfern. Zentrum ihres Handelns und Denkens und die damit verbundenen Entscheidungen für die anderen und sich selbst waren die Kinder. Von Geburt an bis sie aus dem Haus gehen und ihre eigene Selbstständigkeit und Selbstbestimmung leben wollen. Es ist für eine Mutter immer ein Schmerz, wenn ein Kind losgelassen werden muss. Auch wenn noch fünf andere zuhause sind. Vier, drei, zwei, das Letzte. Kein tägliches Versorgen mehr, wecken, Frühstück machen, rechtzeitig zur Schule schicken, Wäsche, Haushalt, Kochen, Hausaufgaben, Seelenklepner, tausend anderes. „Und Was wird jetzt?!“ Welche Aufgabe, welchen Lebensinhalt hat diese Frau nun noch? Das Haus ist leer. Der Ehemann lief sowieso eher „nebenher“. Auf den kann sie sich nun nicht wirklich stürzen (stürzen, nicht stützen!). Wohl der Mutter, wenn sie sich rechtzeitig vorher die Frage stellt „Was wird dann?“ Denn wann die Kinder aus dem Haus sind, kann man sich auch ohne höhere Mathematik ausrechnen. Es gibt mit Sicherheit keine Patentlösung. Was es mit Sicherheit gibt, ist die Frage, die sich stellen wird.

 

Der Rentner hat ein Leben lang gearbeitet. Vierzig Jahre und länger. Manche in ein und derselben Firma. Diese Paradigmen haben sich so tief in Bewusstsein und Unterbewusstsein eingeprägt wie der Grand Canyon in Arizona. Das kriegst du nicht mehr  gebügelt. Da musst du dir lange, sehr lange vorher diese Frage stellen. Und es gibt Lösungen. Die sind aber auch so verschieden, wie die Artenvielfalt im Amazonas Regenwald.

Ich hatte da als Kind ein einprägsames Erlebnis. Nein, da war ich noch kein Rentner! Aber ich kannte einen. Einen bestimmten. Er war Bäcker. Sein langes Leben lang. Tagaus, tagein mit dem Bus morgens in die Stadt, in die Backstube, nachmittags nach Hause. Früher sechs, später fünf Tage die Woche. Jahraus, jahrein. Dann kam die Rente. Von heut auf morgen. Den ganzen Tag zu Hause. Tagaus, tagein. Er war noch gesund, kräftig, agil. Nach etwa einem halben Jahr ist er gestorben. Er hat seinen Grand Canyon nicht überlebt, hatte keine Alternative geplant.

 

Der Dialysepatient hat ähnliche Voraussetzungen wie der Rentner. Oft geht beides zeitgleich Hand in Hand. Manchmal kommt diese Situation ungewollt ganz plötzlich, manchmal hat man Zeit, sich darauf vorzubereiten. Falls das überhaupt möglich ist. Was Rentner sind und tun, weiß jeder, die hat man quasi täglich um sich. Aber wie ist es, Dialysepatient zu sein? Wie geht das? Was ändert das im Leben und wie einschneidend wird sich das ins Leben eingraben? Da gibt es keine Standartantworten. Das ist eher ein Herantasten. Ist-Zustand mit Soll-Zustand vergleichen und entsprechend justieren. Der Normalmensch weiß mit 50, dass er noch 15 Jahre hat, der mit 62 nur noch drei. (Ich gehe vom früheren Idealzustand aus, mit 65 in Rente gehen zu können.) Als Dialyse-Verdächtiger fällt diese Rechenmöglichkeit ins Wasser. Vor etwa 15 Jahren, als ich erfahren habe, dass meine Nieren noch zu 50% arbeiten, war Dialyse bei mir überhaupt kein Thema. Da hat sich auch die Frage „Was dann...?“ für mich nicht gestellt. Völlig selbstbewusst ausgeblendet. Vor drei Jahren sah das dann schon ganz anders aus. UPS, nur noch 30%? Und selbst da hab ich das noch auf Jahre hinausdiagnostiziert. „Wenn ich mal 70 oder 80 bin, dann...“ Denkste. 

Und nun steh ich selber vor der Frage. Als Dialysepatient und als Fast-Rentner. 

Wie mich diese Frage überrascht hat und wie ich sie beantworten werde, dazu ist im Beitrag am Freitag Platz.

 

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