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Feb 18 2019

Montag

 

Gestern hat mich jemand in einem Chat gefragt, ob ich mich denn freue, dass ich morgen, Montag, wieder arbeiten darf. Ich hab ihm geantwortet: „Ich gehe nicht arbeiten, sondern zur Dialyse.“ Er darauf: „Aha, okay, dann viel Spaß.“ Kein weiterer Kommentar meinerseits...

Es gibt solche Menschen und solche. Aber eben leider mehr solche als solche.

Mit Gips am Bein und Krücken sieht jeder, dass du krank und eingeschränkt bist. Total verschnupft mit ner roten Nase und geschwollenen, tränenden Augen erkennt ebenfalls jeder, dass es dir nicht gut geht. Hast du aber eine Nierenbeckenentzündung und kannst dich vor Schmerzen kaum bewegen, kann‘s passieren, dass du gefragt wirst: „Na, wieder nicht brav gewesen, kam die Hexe?“ Diagnose voll daneben...

Und bist du Dialysepatient, hängen dir keine Schläuche am Hals oder aus dem Bauch, bist du nicht grün oder braun im Gesicht wegen dem Eisen, dann sieht man davon eben rein gar nichts. Du schaust vollkommen gesund aus. Und jeder erwartet, dass du dich auch gesund benimmst. Müde? Ist das nicht eher Bequemlichkeit oder Faulheit? So viel schlafen? Stell dich deiner Situation und bejahe das Leben und mach was Nützliches! Guck nicht immer auf deinen Zustand, das macht dich nur depressiv. Depressiv? Das macht eher das Geschwätz mit den mehr oder weniger unnützen Ratschlägen. Die sind mehr Schläge als Rat. Wenn Blinde von der Farbe reden... Hier in der Klinik habe ich schon manchen guten Rat bekommen. Von Mitpatienten und vom Personal. Das tut gut.

Mehr solche als solche. Meine Tochter meinte früher immer „Da musst du durch als Lurch, wenn du ein Frosch werden willst.“ Trotzdem nervt es immer noch, wenn man auf mehr oder weniger Unverständlich stößt. Das wird sich wohl auch nie ändern.

 

Gibt es auch noch was Positives heute? Klar doch. 

Die Erkältung ist so gut wie weg. Der Schmerz war keine Rippe, sondern eine Nervenreizung. Der Schleim hat sich langsam gelöst, der Husten kaum noch vorhanden.

Die Bandscheiben beruhigen sich auch langsam wieder. Vorsichtige, bedachte Bewegungen helfen dabei. Schlafen nur in Rückenlage und halb sitzend ist zwar sehr ungewohnt für jemanden, der lieber auf der Seite liegt, aber immerhin kann ich schlafen.

Das Knie. Manchmal Schmerz beim Drehen und die Gefahr von Einknicken. Die Schwester meint, das wäre das Alter. Kann aber nicht sein, weil das andere Knie genauso alt ist und das tut nicht weh. Geht das so weiter, sollte ich über einen Stock nachdenken. So einen, mit dem alte Leute im Park immer den Jugendlichen drohen...

Die Sonne. Die versucht seit Samstag den ganzen verregneten Winter nachzuholen. Strahlend blauer Himmel. Frühlingswetter. Bis 10/12 Grad. Mitte Februar.

Meine Freundin. Der geht es auch gut. Nur die Sehnsucht... Wir haben beide den Eindruck, wir könnten uns getrost öfter miteinander verbinden. Weil es so wohltuend ist, die Zeit gemeinsam verbringen zu können. Auch wenn wir beide danach ziemlich geschafft sind, sehnen wir uns trotzdem zueinander. Sie hat ja auch noch anderes zu tun, als nur mit mir ihre Zeit zu verbringen. Trotzdem denke ich gerne und oft an sie. Und sie sicher auch an mich. Selbst, wenn sie  sich um andere Menschen kümmern muss.

Das Nachbarbett. Die verschiedenen Patienten, die hier schon neben mir lagen, sind bzw. waren stationäre Patienten hier aus anderen Stationen. Bei mehreren habe ich eine rasante Abwärtsbewegung ihres Zustandes beobachten können - bis einige eines Tages nicht mehr da waren... Hier erlebt man Krankheit und Tod viel intensiver und hautnah. Was all die Jahre vorher weit weg war und nur theoretisch in einem Winkel des Bewusstseins schlummerte, liegt jetzt plötzlich 1,50 Meter neben dir. Das Positive daran? Klingt egoistisch. Ich stelle fest, dass es mir noch wunderbar gut geht in meinem Zustand.

Danke dafür.

 

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