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Feb 13 2019

Mittwoch

 

Eigentlich geht diese Geschichte mit dem Roller noch weiter. Sieben oder acht Jahre später. Da wurde mir bewusst, dass es nicht einfach nur „Glück“ war, sondern mehr. Viel mehr.

Der Roller wurde damals nie wieder repariert. Statt dessen entschieden sich meine Eltern, mir ein neues Fahrrad zu schenken. Herren-Tourenrad Diamant, 26 Zoll, rot. Das beweist, dass sie damals keine Ahnung hatten, zu welch halsbrecherischen Aktionen ich schon fähig war. Dieses Rad war die nächsten 10 Jahre mit mir verwachsen. Es war ein Teil von mir. Damit hab ich bei den Dorfmeisterschaften im Hindernisfahren den dritten und beim Geschicklichkeitsfahren den ersten Platz gemacht. Satte Leistung. 

Ein Fahrrad hatte auch ein Nachbarjunge. Er war etwa zwei Jahre jünger als ich. Eines Tages sollte er für seine Eltern etwas erledigen. Er fuhr zuhause los, aber in die falsche Richtung. Bergab, von der Bushaltestelle Richtung Tirpersdorf. Genau meine Rollerrennstrecke. Am Ortsausgang möchte er umkehren. Er wartet, bis der Gegenverkehr vorbei ist, lenkt um und möchte im großen Bogen auf die andere Straßenseite. Dabei übersieht er aber den nachfolgenden PKW „Wartburg 311“. Es war noch innerorts, der ist also maximal 50 km/h gefahren. Und der hat ihn dann von der Straße geschubst. Genau zwischen zwei Bäumen hindurch in den metertiefen Seitengraben... Knapp 200 Meter vor meiner Landestelle damals.

So etwas spricht sich schnell im Dorf herum. 15 Minuten später war ich vor Ort. Viele Leute, Aufregung, entsetztes, älteres Ehepaar, das im Wartburg saß. Grade kommt der Arzt aus dem Nachbardorf. Er steigt aus, klettert in den Graben, untersucht den Jungen und klettert wieder auf die Straße. Etwas schwerfällig, weil er ziemlich korpulent war. Ich hab mich damals so geärgert über den Arzt und mich gefragt, warum macht der nichts!  Er muss dem Jungen doch helfen! Und dafür sorgen, dass er schnell ins Krankenhaus kommt! Dann bin ich weggefahren. 

Die Ankunft des Leichenwagens habe ich nicht mehr mitbekommen...

 

Er hatte kein „Glück“ wie ich damals nur 200 Meter weiter. Der PKW ist nur 50 gefahren und er beim Wenden wollen höchstens 10. Er hatte keinen Jackpot. Sein Leben war in diesem Graben zu Ende. 

Das hat mir lange zu denken gegeben und sowohl mein Verhalten im Straßenverkehr als auch meine Einstellung zum Leben massiv verändert. Es gibt mehr als nur „Glück zu haben“. Viel mehr.

 

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