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Darf ich?

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Feb 08 2019

Freitag

 

Für manche ein Zauberwort. Freitag. Das Wochenende steht vor der Tür. Entspannen, Freizeit, Ausschlafen. Für mich? Der Tag, nach dem zwei dialysefreie Tage kommen, statt nur einer. Zwei Tage keine Nadeln im Arm, zwei Tage nicht über vier Stunden den Arm möglichst still halten, zwei Tage kein Taxi, zwei Tage keine solche Belastung des Körpers bzw. des Kreislaufs. 

Aber auch zwei Tage keine Entgiftung. Mir hat mal jemand gesagt, an den Tagen der Dialyse ist man geschafft, weil man Dialyse hat und an den Tagen dazwischen ist man geschafft, weil man keine hat. Ist was Wahres dran.

Entgiftung. Eine überlebensnotwendige Dienstleistung von Daisy. Ohne sie gäbe es schon einige Wochen keine Tagebucheinträge mehr, weil es mich nicht mehr gäbe. Eine knallharte Tatsache.

 

Schwester Carola(*), die heute bei mir ihre Premiere hatte, fragte mich - eher symbolisch- „Darf ich?“ Auf meine Gegenfrage, was wäre, wenn ich mit Nein antworten würde, kam folgende Erklärung:

Sie würde mich darüber belehren, dass diese lebensgefährliche Entscheidung meine eigene Verantwortung wäre und welche Konsequenzen es für mich hätte. Dann würde sie mich fragen, ob eine andere Schwester es tun soll. Würde ich auch das ablehnen, würde die zweite Schwester mich darüber belehren, welche Konsequenzen das für mich hätte. Sie würde den Arzt informieren müssen. Dieser würde mich dann darüber belehren, was diese Entscheidung für mich nach sich ziehen würde. Bleib ich weiter stur, muss ich unterschreiben, dass das alles meine eigene Verantwortung ist und ich dürfte nach Hause gehen. Dort würde ich dann wohl nicht mehr sehr lange bleiben, sondern könnte bald umziehen. Ins Bestattungsinstitut... Aber dort sind die Betten nicht so bequem...

Trotzdem bleibt alles meine eigene, persönliche Entscheidung. Jedes mal. Auch, wie lange ich zu jeder Sitzung bei Daisy bleiben möchte. Auch, ob ich das Eisen-Attentat möchte. Auch, ob ich das Frühstück möchte. Der Kunde ist König. Man hat alle Freiheiten. Doch wie hat uns früher unser Staatsbürgerkunde-Lehrer beigebracht? „Freiheit ist Einsicht in die Notwendigkeit.“ Ist was Wahres dran. Übrigens der einzige Satz, den ich mir in all den qualvollen Jahren damals gemerkt habe. Ich seh ihn noch vor uns stehen mit seinem Überbewußtsein des kommunistischen Gedankengutes gegen die imperialistischen Machenschaften des Klassenfeindes und der sozialistischen Überlegenheit. Doch die meisten seiner anderen Sätze, die er uns beibringen wollte, haben sich im Laufe der Geschichte verflüchtigt wie Äther an der Luft. Zum Glück.

Einsicht in die Notwendigkeit. Nimm an, was du nicht ändern kannst und ordne es in dein Leben ein. Damit fährst du am Besten.

 

Deshalb durfte dann auch Schwester Carola(*) bei mir.

 

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